Karl Bickel Vita I
Geboren am 13. Februar 1886 in Zürich-Hirslanden, wächst Karl Bickel
ab 1890 vaterlos auf. 1900 – 1904 absolviert er eine Lehre als Litograph
und Clichéezeichner im renommierten Atelier Paul Bleuler. 1904 wechselt er
in die graphische Anstalt Hüttner. Dort steigt er bald zum technischen Leiter
auf. Die Firma produziert vor allem Mode- und Warenkataloge sowie Ansichtskarten.
Karl Bickel bildet sich drei Monate pro Jahr weiter, besucht Kurse für Gebrauchsgraphik
und Zeichnen an der Kunstgewerbeschule, zeichnet mit Kohle, Pastell und Feder.
1908 eröffnet er ein eigenes graphisches Atelier mit zwei Mitarbeitern, das
Briefköpfe, Geschäftsempfehlungskarten und hauptsächlich Modekataloge herstellt.
Hauptauftraggeber ist die Firma Seiden Grieder. 1912 trennt sich Bickel von
seinen Mitarbeitern. Tiefere Ursache mag sein einzelgängerischer, auf Unabhängigkeit
bedachter Charakter sein. 1909 wird erstmals sein freies künstlerisches Schaffen
(Pastelllandschaften) im Zürcher Kunsthaus gezeigt. 1912 unternimmt er eine
Bildungs- und Studienreise nach Italien (Mailand, Verona, Vicenza, Venedig,
Florenz). Michelangelos Grabmäler von Lorenzo und Giuliano Medici in der Kapelle
San Lorenzo, Florenz, sind ihm ein Urerlebnis. In Carrara schnuppert er
das Bildhauerhandwerk. 1913 erkrankt er an Tuberkulose und muss für 13 Monate
zur Kur nach Walenstadtberg. In der majestätischen und ruhigen Gebirgswelt
des Walensees stellten sich Visionen ein, die ein starkes, zeitgemäss religiöses
oder kosmisches Naturgefühl auslösen. Er gelobt bei Genesung einen Friedenstempel
zu bauen. 1914 kehrt er geheilt nach Zürich zurück, wo er hauptsächlich Plakate
entwirft.
Möglicherweise monumentalisiert sich sein freies künstlerische Schaffen (Akte) unter dem Einfluss der Plakatkunst. Die menschliche Anatomie eignet er sich nicht nach Modellen, sondern nach medizinischen Lehrbüchern an. Er versucht sich in verschiedenen graphischen Tiefdrucktechniken wie Kupferstich, Diamantschnitt, Kaltnadel und Radierung. 1914 «Die Seuche» (Kaltnadel) reflektiert weder den Ersten Weltkrieg noch Jeremias Gotthelfs «Schwarze Spinne», sondern symbolisiert die Tuberkulose.
1915 entsteht die monumentale Rötelzeichnung «Die Nacht», welche 1916 im Zürcher Kunsthaus ausgestellt wird. Charakteristisch sind ihre erstarrten neoklassizistischen Akte in ihrer detail- und kenntnisreichen Zeichnung. Zum engen Freundeskreis von Karl Bickel zählen: Felix Moeschlin, Meinrad Lienert, Heinrich Federer, Carl Spitteler, Mary Wigmann, Rudolf Laban. 1916 zeigt das Kunsthaus Zürich 38 seiner graphische Arbeiten. 1917 beginnt er die Zusammenarbeit mit der graphischen Anstalt Wolfensberger. Hermann Ganz veröffentlicht eine monographische Abhandlung über Karl Bickel. Weiter...

